04. September 2010
   
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Wolfgang Tiefensee im Interview

Wolfgang TiefenseeWolfgang Tiefensee über das Leben in der DDR und die Friedliche Revolution 1989

Meinungsfreiheit:
Es ist nicht immer leicht, zu seiner eigenen Meinung zu stehen, erst recht nicht in der DDR: Gibt es für Sie in dieser Hinsicht ein Schlüsselerlebnis?

Ich erinnere mich an eine Begebenheit in der vierten Klasse. Ich werde von einem Lehrer aufgefordert, den Namen weiß ich sogar noch, aber wir wollen ihn jetzt hier nicht nennen,  ich solle an der Seitentafel alle die aufschreiben, die in der Pause über Tische und Bänke gehen. Und da hat der kleine Stift mit seinen zehn Jahren sich hingestellt vor den großen Lehrer und gesagt: „Das mache ich nicht. Ich verpfeife meine Kameraden nicht.“. Und ich bin in Tränen ausgebrochen und konnte überhaupt nicht mehr argumentieren oder derglei-chen. Ich habe das in Erinnerung, weil das der Beginn war oder ein Schritt auf dem langen Weg dahin, dass man Muskeln bekommen muss, um Erwachsenen gegenüberzutreten. Auf diesem Weg hat mir meine Familie geholfen, die Kirchgemeinde, aber ganz besonders eben Menschen, die das vorgelebt haben.

Dienst ohne Waffe:
Sie haben in der DDR den Dienst an der Waffe verweigert und sind Bausoldat geworden. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Davor lag die Entscheidung meiner Eltern, uns nicht in die Pionierorganisation zu schicken. Dann reifte die persönliche Entscheidung, nicht in die Freie Deutsche Jugend zu gehen. Diese Entscheidung ist mir relativ einfach gefallen, wenngleich auch nach einer Auseinanderset-zung mit Klassenkameraden, die immer wieder gesagt haben: „Das ist der falsche Weg. Du musst mitschwimmen und musst das System aus dem Inneren heraus versuchen zu reformie-ren“. Ich wollte einen anderen Weg gehen. Zusammen mit dieser Art von Diskussionen, über die ich gesprochen habe, mündete das dann in die Entscheidung, so mit sechzehn, siebzehn, zu den Bausoldaten zu gehen, das hieß, den Dienst mit der Waffe zu verweigern. Ich habe dabei vor allem einen Pfarrer in Erinnerung, das ist der Pfarrer Rosner aus der Gemein¬de in Leipzig-Plagwitz, der sich ganz besonders um diese Frage des Pazifismus und die Einstellung zur Nationalen Volksarmee gekümmert hat. Ich habe dort einen Kreis von jungen Männern kennen gelernt, die sich alle mit den gleichen Fragen herumgeschlagen haben. Wir haben das gründlich diskutiert und dann habe ich mich entschieden, den Dienst mit der Waffe zu verweigern und Bausoldat zu werden.

Persönliche Freiheit:
Welche Grenzen empfanden Sie besonders einengend?

Für mich war die Frage nicht, Abteilungsleiter werden zu können oder dergleichen. Das war nicht entscheidend. Mich hat vielmehr bedrückt, dass ich nicht lesen konnte, was ich wollte. Ich erinnere mich an meine Rundgänge auf der Leipziger Buchmesse und dieses stundenlan-ge in den einzelnen Kojen sitzen und in den Büchern zu blättern und zu lesen, die man sonst nicht zu lesen oder zu kaufen kriegte. Ich war tief betroffen, dass ich nicht sagen konnte, was ich wollte. Diese ständige Schere im Kopf, dass man aufpassen musste, was man sagt, um sich selbst oder andere nicht zu gefährden. Ich fand es anmaßend, dass mir eine Mauer vor die Nase gesetzt wird, dass ich mein Leben lang oder bis ich Rentner bin mit fünfundsechzig, die Welt nicht sehen darf, sondern nur einen ganz kleinen Ausschnitt. Ich fand es anmaßend, dass man die Entwicklung meiner Kinder und deren Werdegang beschneidet, indem man ihnen den Nicht-Beitritt zu den Pionieren vorwirft und vieles andere mehr. Das hat mich vielmehr geprägt und in Wut gebracht und auch motiviert, etwas dagegen zu tun, als die Frage, dass ich nicht Karriere machen kann.

Berufswahl:
Wie sind Sie mit den Einschränkungen umgegangen?

Ehrlich gesagt, ich komme aus einem Elternhaus, dem immer wieder klar gemacht worden war, ihr könnt hier in der DDR nichts werden. Ihr könnt nichts werden, also die Chancen sind verbaut. Das könnt ihr Euch gleich mal abschminken.  Deshalb hat sich mein Sinnen und Trachten nie auf eine Karriere gerichtet, sondern eher darauf, was wir tun können, damit die Mauern gesprengt werden, damit dieser Käfig wegkommt, diese Gitterstäbe, die einen einschränken. Das war eigentlich viel entscheidender, aber ich habe nicht geglaubt, dass ich das noch vor fünfundsechzig erlebe.


Ausreiseantrag:
Wollten Sie die DDR verlassen?

Ja, es gab diese Diskussion, vorwiegend ab Mitte der achtziger Jahre. Ich erinnere mich zum Beispiel an gute Freunde, dass Ehepaar Littmann, die beide Ärzte waren, die auch vier Kinder hatten, die immer mit unseren Kindern zusammen spielten. Wir waren richtig gut befreundet, als die uns eines Tages offerierten, wir gehen rüber. Da brach bei uns wieder einmal diese Diskussion auf. Ich glaube, dass wir mindestens einmal im Monat mit Freunden darüber diskutiert haben, was der richtige Weg wäre. Anpassung schied aus. Jetzt war die Frage, will man darauf warten, bis man fünfundsechzig Jahre ist, dass sich die Grenzen öffnen und man die Welt sehen kann und dass man sich bilden kann wie man will? Denn genau das war ja auch verbaut, zumal für die Kinder, Stichwort Studium: Werden sie studieren dürfen, ja oder nein, was werden sie mal beruflich machen, was darf man lesen, mit wem darf man sich treffen? Die ganzen demokratischen Freiheiten, die uns existenziell gefehlt haben, die sollten also bis zum fünfundsechzigsten Lebensjahr verbaut sein? Wir haben uns dann ganz bewusst entschieden zu bleiben, obwohl der Aderlass spürbar war, dass immer mehr Menschen rüber gegangen sind. Da spielte natürlich auch eine Rolle, dass unsere Elternhäuser in Leipzig gewesen sind, dass wir auch da eine Verantwortung gespürt haben, dass meine drei Geschwister in der DDR waren und nicht vorhatten zu gehen. Das gleiche traf für meine Frau zu. Also, es stand eigentlich nie ernsthaft zur Entscheidung, dass wir gehen. Und trotzdem haben wir uns immer mal wieder hinterfragt, ob wir noch richtig liegen.

Engagement:
In welchen Bereichen gab es für Sie in der DDR-Gesellschaft die Möglichkeit zum Engage-ment?

Ende der achtziger Jahre öffnete sich mit der Ökumenischen Versammlung eine weitere Tür. Ich habe damals auf dem Feld der Bildung mitgearbeitet. Sie wissen vielleicht, dass die Ökumenische Versammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in verschiedenen Städten mit Versammlungen stattfand, aber in den Kirchgemeinden mit heftigen Gruppendiskussionen vorbereitet und begleitet wurde. Diese Diskussionen gaben uns die Möglichkeit, zum Beispiel in meinem Fall, über Bildung und über die Einengung von Bildung, über Indoktrination, über Bevormundung zu arbeiten und zu schreiben, geschützt im kirchlichen Raum. Aber um es ganz klar zu sagen: Ich hätte nie geglaubt, dass das in eine friedliche Revolution mündet. Das war ein Stück Selbstbestimmung mehr, als wir es vorher schon immer praktiziert hatten. Aber dass das mal eine solche Bewegung wird, das ist eigentlich eher ein Wunder, als dass es absehbar gewesen wäre.

Friedliche Revolution:
Was war für Sie ein besonders einschneidendes Erlebnis?

Für mich gab es ein ganz prägendes Ereignis im Dezember 1989. Das war so ähnlich wie bei der Entscheidung Bausoldat, ja oder nein. Die Stasi-Zentrale in Leipzig war gestürmt worden und das Bürgerkomitee rief mich eines Abends an, das muss am 6. oder 7. Dezember 1989 gewesen sein, wir müssten diese Stasi-Zentrale nachts bewachen. Es hieß, die schreddern dort, die tragen Akten raus. Ich hatte ja vollen Dienst und dann noch alle möglichen Vereine mit gegründet und so weiter. Und jetzt kommt der Punkt: Als ich dann nachts um zehn dorthin kam, musste ich meinen schönen blauen Personalausweis an der Pforte der Stasi-Zentrale hinterlegen. Auf den Demonstrationen waren wir anonym, mit den Vereinen oder meiner Mitgliedschaft bei „Demokratie Jetzt!“ war das noch relativ moderat. Jetzt war ich in der Höhle des Löwen. Das war jetzt das Bekenntnis: Du trittst gegen das Rückgrat dieser Staatsmacht an, indem Du in ihr Machtzentrum gehst. Das war, als ob man einen Rubikon überschritten hatte.

Herbst 1989:
Was sind für Sie persönlich die Höhepunkte im Herbst 1989 gewesen?

Das waren die Demonstrationen im Oktober. Ganz markant war natürlich der 9. Oktober. Aber ich denke, am Ende ist es doch der 9. November. Die Öffnung der Grenze ist der Höhepunkt neben dem 9. Oktober. „Wir haben mit allem gerechnet“, sagte der Stasioffizier „außer mit Kerzen und Gebeten. Wir waren auf alles vorbereitet, außer auf Kerzen und Gebete.“ Das ist der entscheidende Punkt. Dann kam der 9. November mit dieser Plapperei von Schabowski, der das im Nachhinein irgendwie umdeuten wollte als einen Coup. Klar, dass jeder versucht, sich irgendwie noch einen Platz in der Geschichte zu ergattern. Aber es war eine Idiotie, mit einem so wichtigen Thema wie der Grenzöffnung so umzugehen aus der Sicht des Regimes.
Wir haben das alles am Abend des 9. November noch nicht so begriffen. Ich sehe die Bilder auf dem kleinen Fernseher noch vor mir. Wir kamen spät nach Hause und sahen die Bilder und haben noch darauf angestoßen. Wir haben uns aus tiefstem Herzen darüber gefreut.


Erkenntnis:
Welche Lehren sollten wir aus den Ereignissen der Friedlichen Revolution von 1989 ziehen?

Sowohl im Kleinen als auch auf der weltpolitischen Bühne wünschte ich mir, dass sich jeder soweit es geht einbringt, um etwas zu verändern und nicht immer nur auf den anderen zeigt. Zum Beispiel auf den Tiefensee da in Berlin, der könnte doch mal oder der müsste doch mal was tun. Aber nein, der kann auch nur mit seiner Überzeugungskraft, die um Mehrheiten wirbt, dafür Sorge tragen, dass er in seinem Bereich das verändert, was ihm möglich ist. Das enthebt aber den anderen nicht seiner Verantwortung, egal ob er nun 1989 in der Bürgerbe-wegung war oder ob er erst später dazugekommen ist, tagtäglich ein Stück dazu beizutragen, dass sich die Gesellschaft zum Besseren verändert. Denn sie ist veränderungsbedürftig! Da bin ich mir wieder einig mit denjenigen, die manchmal eher skeptisch oder resigniert auf diese Gesellschaft schauen.

Tiefensee im Bundestag

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